Brasilien - 2012

Einwohner: 194.946.000
Hauptstadt: Brasilia
Das Jahr 2011 stand im Zeichen von landesweiten Arbeitskämpfen im Bankensektor, im Luftfahrtsektor und in der Düngemittelindustrie. Dank des entschiedenen Eintretens der Gewerkschaft für die Rechte der Beschäftigten der städtischen Friedhöfe konnten erfolgreich Tarifverhandlungen durchgeführt werden. Arbeit unter sklavereiähnlichen Bedingungen ist trotz der Bemühungen der Behörden, die Verantwortlichen aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen, nach wie vor ein Problem in Brasilien. 2011 wurden sieben Landarbeiter ermordet

gemeldete Verletzungen - 2012

Dokumentierte Verletzungen - die tatsächliche Zahl könnte höher sein

Hintergrund

Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2,5 Billionen US-Dollar und einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 12.900 US-Dollar rückte Brasilien 2011 auf den sechsten Platz der größten Volkswirtschaften der Welt vor. Auch die Arbeitslosenquote sank weiter, die mit 6,2 % ohnehin zu den niedrigsten der Region zählt. Dennoch steht Brasilien immer noch vor großen sozialen Herausforderungen wie beispielsweise die Bekämpfung des Analphabetismus, die Verbesserung des öffentlichen Gesundheitssystems, die Bekämpfung der Arbeit unter sklavereiähnlichen Bedingungen, unter der vor allem Einwanderer zu leiden haben, sowie nicht zuletzt die Bekämpfung der Armut, von der mindestens 16 Millionen der insgesamt rund 190 Millionen Brasilianer betroffen sind.

Gewerkschaftsrechte in der Gesetzgebung

Auch wenn die grundlegenden Gewerkschaftsrechte garantiert sind, so sind die gesetzlichen Regelungen dennoch nach wie vor mit einer Reihe von Problemen behaftet. Die Verfassung und das Arbeitsgesetz schützen das Recht aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sich gewerkschaftlich zu organisieren, mit Ausnahme bestimmter Staatsbediensteter. Das für die Gründung von Gewerkschaften geltende „Unicidade“-System legt fest, dass pro Wirtschafts- oder Berufsgruppe in einem bestimmten geographischen Raum nur eine Gewerkschaft bestehen darf. Außerdem wird die Gründung nationaler Gewerkschaftsdachverbände durch übermäßige formale Anforderungen erschwert.

Darüber hinaus ist das Recht auf Tarifverhandlungen nicht ausreichend gesichert, da eine Vereinbarung für nichtig erklärt werden kann, wenn sie im Widerspruch zur Wirtschafts- oder Finanzpolitik der Regierung zu stehen scheint. Den Beamten wird das Recht auf Tarifverhandlungen vorenthalten. Auch in den staatlichen Unternehmen und den sogenannten gemischten Betrieben („empresas mixtas“), also jenen Unternehmen, die sich nur zum Teil in staatlichem Besitz befinden, sind kollektive Lohnverhandlungen nur eingeschränkt möglich.

Obwohl das Streikrecht allen Beschäftigten im privaten Sektor und im öffentlichen Dienst gleichermaßen garantiert wird, unterliegen Streiks im Bereich der öffentlichen Dienste einem Regelwerk, das jedoch bis heute nicht näher ausgearbeitet wurde. Die brasilianische Gesetzgebung sieht das Rechtsinstrument der sogenannten Unterlassungsverfügung („interdito proibitório“) zum Schutz von Privateigentum vor. Dieses Rechtsinstrument stellt eine Art indirekten Schutzmechanismus dar. In der Praxis wird das „interdito proibitório“ jedoch dazu benutzt, das Aufstellen von Streikposten Streikposten Personen, die vor den Toren der betroffenen Betriebe auf einen Arbeitskonfliktoder einen Streik aufmerksam machen und versuchen, andere Beschäftigte dazu zu veranlassen, den Betrieb nicht zu betreten bzw. die Verbraucher davon abzuhalten, den Arbeitgeber zu unterstützen. Die Aufstellung von Streikposten vor einem nicht direkt an dem Konflikt beteiligten, neutralen Betrieb zielt darauf ab, indirekt Druck auf den Arbeitgeber, der die eigentliche Zielscheide der Aktion ist, auszuüben. aus Gründen des „Schutzes von Eigentum vor Beeinträchtigung und Plünderung“ zu verbieten oder zumindest einzuschränken. Im Oktober 2011 äußerten Vertreter von Gewerkschaftsorganisationen auf einer öffentlichen Sitzung der Menschenrechtskommission des Senats ihre Kritik an diesem Schutzmechanismus, wobei sie argumentierten, dass dieses Rechtsinstrument nicht nur Streikaktionen erheblich beeinträchtigt, sondern auch eine weitere Form von Kriminalisierung der sozialen Bewegungen darstellt.

Praxis

Arbeit unter sklavereiähnlichen Bedingungen in der verarbeitenden Industrie: Am 19. August 2011 stießen Beamte des Arbeitsministeriums bei einer Inspektion in Sao Paulo auf zwei Fertigungswerkstätten, in denen 15 Einwanderer bis zu 16 Stunden am Tag unter entwürdigenden Bedingungen arbeiteten. Bei den meisten von ihnen handelte es sich um mittellose bolivianische Wanderarbeiter. Laut einem IAO Internationale Arbeitsorganisation Eine dreigliedrige Organisation der Vereinten Nationen (UN), die 1919 ins Leben gerufen wurde, um die Arbeits- und Lebensbedingungen zu fördern. Sie ist die für die Formulierung und Überwachung internationaler Arbeitsnormenwichtigste internationale Organisation.

vgl. Dreigliedrigkeit, IGB-Leitfaden für internationale Gewerkschaftsrechte
-Bericht von Oktober 2011 wurden seit 1995 mehr als 36.000 Personen, die unter sklavereiähnlichen Bedingungen ohne Arbeitsvertrag und ohne Lohn beschäftigt wurden, von den mobilen Sonderinspektionsgruppen der brasilianischen Arbeitsinspektion befreit.
Schwierige Tarifverhandlungen bei den Beschäftigten der städtischen Friedhöfe von Sao Paulo: Am 30. August 2011 begann auf den städtischen Friedhöfen von Sao Paulo ein einwöchiger Streik Streik Die gängigste Form einer Arbeitskampfmaßnahme; eine kollektive Arbeitsniederlegung der Beschäftigten für eine bestimmte Zeit; kann vielfältige Formen annehmen.

vgl. Generalstreik, unterbrochener Streik, rollierender Streik, Sitzstreik, Sympathiestreik, wilder Streik, Bummelstreik
der für Bestattungen zuständigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die der Gewerkschaft der Beschäftigten in der öffentlichen Verwaltung und in den für kommunale Selbstverwaltungszwecke eingerichteten Autarquia-Dienststellen der Stadt Sao Paulo SINDESP (Sindicato dos Trabalhadores na Administração Pública e Autarquias do Município de São Paulo) angehören. Die Beschäftigten verlangten eine Lohnerhöhung von 39 %, da ihre Löhne seit 1995 nicht mehr angehoben worden waren.
Schwierige Tarifverhandlungen bei den Beschäftigten in der Luftfahrtindustrie: Am 21. Oktober 2011 legte die nationale Gewerkschaft des Flughafenpersonals SINA (Sindicato Nacional dos Aeroportuários) den Flughafen Viracopos in Campinas, einer Stadt rund 100 km nördlich von Sao Paulo, für 48 Stunden lahm, um gegen das von der brasilianischen Regierung für die geplante Teilprivatisierung von Flughäfen favorisierte Konzessionsmodell zu protestieren, durch welches der Betrieb, das Frachtgeschäft, die Flugnavigation, die Kontrolle über die Flughafengebühren sowie Wartung und Spezialtechnik in die Hände von privaten Betreibern gegeben werden sollen. Dies wird zwangsläufig zu einer Prekarisierung Prekarisierung Die zunehmende Flexibilisierung der Arbeitnehmerschaft durch den Ersatz unbefristet beschäftigter Vollzeitkräfte durch Beschäftigte mit befristeten, irregulären Verträgen. der Beschäftigungsbedingungen führen. Die Beschäftigten fordern bis heute den Schutz ihrer Rechte.
Spanische Modekette Zara zahlt hohe Geldstrafen wegen sklavereiähnlicher Arbeitsbedingungen: Das spanische Modeunternehmen Zara hat in Brasilien mittlerweile 52 unterschiedliche Geldstrafen für diverse Unregelmäßigkeiten auferlegt bekommen, unter anderem weil brasilianische Zulieferer der Modekette Einwanderer unter sklavereiähnlichen und gesundheitsschädigenden Arbeitsbedingungen mehr als 16 Stunden am Tag für sich arbeiten ließen.

Rechtsverletzungen

Verletzung von Tarifverhandlungen beim Düngemittelproduzenten Vale Fertilizantes: Im März 2011 wollte der in Araucária, im brasilianischen Bundesstaat Paraná angesiedelte Düngemittelproduzent Vale Fertilizantes auf einmal nichts mehr von den Tarifverhandlungen wissen, die mit der Gewerkschaft der Beschäftigten in der Petrochemischen Industrie SINDIQUÍMIA (Sindicato dos Trabalhadores nas Indústrias Petroquímicas) aufgenommen worden waren. Das Unternehmen ignorierte die Forderungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und präsentierte stattdessen einen Vorschlag, der nicht nur auf die Streichung einiger seit vielen Jahren geltender Klauseln hinauslief, sondern auch andere, über viele Jahre hinweg erkämpfte Errungenschaften im Bereich Gesundheitsschutz wieder zur Disposition stellte. Dieser Vorschlag wurde von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern als unannehmbar zurückgewiesen, und es konnte bis heute keine Einigung erzielt werden
Sieben Landarbeiter in Brasilien ermordet: Zwischen Mai und August 2011 wurden in den beiden nördlichen brasilianischen Bundesstaaten Pará und Rondonia sieben Landarbeiter ermordet, die sich im Kampf um Landrechte engagiert hatten. Die Anzeigen wegen illegaler Ausbeutung natürlicher Ressourcen wurden 2011 mit zunehmender Gewalt beantwortet. Dieser Gewalt fielen seit 1998 mehr als 1.150 Landrechts- und Umweltaktivisten, Kleinbauern, Richter, Priester und Landarbeiter zum Opfer, die sich für den Schutz und Erhalt ihres Landes und seiner natürlichen Ressourcen eingesetzt hatten
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